Professor Mingau

Baumphilologe

Professor Mingaus Forschungen eröffnen einem menschlichen Publikum erstmals den Zugang zu literarischen Werken, die nicht nur von Bäumen handeln, sondern von Bäumen verfasst wurden.

Die Baumphilologie

Gegenstand und Aufgaben eines neuen Forschungszweiges

Die Baumphilologie, ein neu erblühender Wissenschaftszweig, widmet sich der Erforschung, Übersetzung und Verbreitung der Literatur und Sprache der Bäume.

Zu einem bemerkenswert späten Zeitpunkt in der Kulturgeschichte der Menschheit hat Professor Mingau sich als Pionier dieser neuen Disziplin, und als erster Mensch überhaupt, in das literarische Dickicht der Wälder begeben, um auf dem Wege der persönlichen Begegnung und Zwiesprache mit einzelnen Baumdichterpersönlichkeiten den ersten Schritt zu einem Dialog mit der bisher ignorierten Schriftkultur der Bäume zu tun.

Freilich kann niemand behaupten, dass Bäume bisher in der menschlichen Wahrnehmung, zumal hier in Deutschland, eine untergeordnete Rolle gespielt hätten. Ganz im Gegenteil: In der Literatur, speziell in der Lyrik, gehören sie sogar zu den besonders häufig verwendeten Motiven und Metaphern. Spätestens seit der Romantik wirken Gedichte, in denen der Wald zu einer stillen, sanften, harmonischen, besseren Welt verklärt wird, sogar ziemlich abgedroschen.

Auch haben die Menschen zu allen Zeiten Ähnlichkeiten zwischen sich selbst und den Bäumen entdeckt. Sie haben die Individualität und den Charakter von Bäumen gewürdigt, Freundschaften mit Bäumen geschlossen oder sich sogar in einen Baum verliebt, wie es aus der Antike beispielhaft vom Perserkönig Xerxes überliefert ist. (Den Liebesgesang des Xerxes an seine geliebte Pla- tane machte Georg Friedrich Händel zum Inhalt einer der schönsten Opern- arien, die es überhaupt gibt, dem Ombra mai fu in seiner Oper Serse).

Trotz all dieser Annäherungen blieb eines über Jahrhunderte und Jahrtau- sende vollkommen unbemerkt: Es gibt unter den Bäumen, genau wie unter uns Menschen, Dichter und Denker.

Insofern fällt dem Arbolyrikum, der ersten bescheidenen Frucht der baumphilologischen Forschungsbemühungen Professor Mingaus, keine geringere Aufgabe zu als die, erstmals in der Geschichte ein menschliches Publikum mit literarischen Werken bekannt zu machen, die nicht nur von Bäumen handeln, sondern von Bäumen verfasst wurden.

Indessen soll auch an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass die Baumphilologie bei ihrem derzeitigen Kenntnisstand allenfalls einen winzigen Bruchteil der Geheimnisse des Geistes, der in Zapfen und Xylemen, Wurzeln und Wipfeln zu Hause ist, flüchtig und schlaglichtartig wie die unsteten, durch das dichte Laubdach der Baumkronen vielfach gebrochenen Sonnenstrahlen, die mal hier, mal da als tanzende Lichtflecken bis auf den Waldboden durchdringen, erhellen kann. Weit entfernt von einer metho- dischen Erforschung der Arboliteratur (der Literatur der Bäume), oder im weiteren Sinne der Dendrographie (der schriftlichen, auch außerliterarischen Überlieferung der Bäume und Gehölze), wie sie für die Zukunft zu wünschen wäre, beruht Professor Mingaus bisherige Forschungsarbeit letztlich allein auf Zufallsbekanntschaften mit einzelnen großen Baumdichterpersönlich- keiten, und was er bisher als Übersetzer zu leisten vermochte, lässt uns lediglich eine erste Ahnung desssen gewinnen, was für eine ungeheure Erweiterung unseres Bildungshorizontes bevorsteht, wenn dieser sich einst auch über das weite Feld der studia arboreitatis erstrecken wird.

Die willkürlich zusammengestellten Fundstücke aus dem Gebiet der Arbolyrik (also der Lyrik der Bäume), die Professor Mingau in seinem „Arbolyrikum“ präsentiert, sind also nichts anderes als die ersten, noch mit Raureif bedeckten Vorboten eines bevorstehenden Frühlings der Baumphilologie und eines Sommers, in dem die Saat einer zunehmenden Beschäftigung mit Sprache, Dichtung und Denken der Bäume aufgehen und aus den scheinbar unerschütterlichen Beton-Fundamenten der menschlichen Gesellschaft neue, hellgrüne, hoffnungsvolle Triebe hervorbrechen lassen wird.

Denn mit zunehmender Kenntnis, Verbreitung und interdisziplinärer wissen- schaftlicher Rezeption der Arboliteratur wird sehr wahrscheinlich ein tief greifender Wandel im Verhältnis zwischen Mensch und Natur einhergehen. Ein Zeitalter bricht an, in dem wir die Individualität der Bäume, und möglicherweise auch anderer Lebewesen, in deren eigenem sprachlichen und intellektuellen Terrain zu würdigen und zu interpretieren lernen.

Tafelbild Was ist Baumphilologie? Tafelbild Was ist Baumphilologie? Tafelbild Was ist Baumphilologie? Tafelbild Was ist Baumphilologie? Arbolyrikum-Logo

Ein epistemologischer Umbruch zeichnet sich ab, der sich in seiner Tragweite derzeit noch kaum erahnen lässt. Vielleicht wird die Menschheit so weit reifen, dass sie endlich den Holzweg verlassen kann, auf dem ihr (art-)fremde Lebewesen entweder nur als (unschuldig) unmündige Objekte naturwissenschaftlicher Erkenntnis und technischer Instrumentalisierung oder im mystischen Gewande mächtiger Gottheiten, esoterischer Reinheits- idole oder idyllischer Brutstätten für romantische Weltfluchtphantasien erscheinen konnten. Mit der Vision geistig-literarischer Beziehungen und eines gleichberechtigten Dialogs zwischen Bäumen und Menschen zeichnet sich erstmals die Chance auf ein tatsächliches gegenseitiges Verstehen ab.

Auch die von Professor Mingau und seinem Mitarbeiter Dr. Kienspan unternommenen Anstrengungen, die Poltersprache als Medium der Verständigung zwischen Bäumen und Menschen (und Poltergeistern) zu erschließen, stehen im Dienste dieser Vision und gehören somit in den Kontext der baumphilologischen Forschung.

Geheimnisvolle Holzgeburt des Klabautermanns

Mit der Gründung eines unabhängingen Lehrstuhls für Baumphilologie und Theorie des Polterns 2015 in Berlin wurde erstmals eine Institution geschaffen, von der aus das umfangreiche Programm, das sich aus den weit verzweigten Forschungsvorhaben, Übersetzungsprojekten und in den verschiedensten Bildungseinrichtungen aller Ebenen neu zu kreierenden Lehrangeboten im Bereich der Baumphilologie ergibt, koordiniert werden kann. Die Einrichtung regulärer Studiengänge und die Etablierung eines festen Mitarbeiterstamms gehört im derzeitigen Entwicklungsstadium zu den wichtigsten Desideraten der Baumphilologie, denn nur auf diesem Wege wird sichergestellt, dass zukünftige Forschergenerationen den Weg, den Professor Mingau mit seinen ersten Waldforschungen gebahnt hat, weiter gehen können.

Als weiterer Meilenstein des baumphilologischen Fortschritts wurde der Aufbau eines zentralen dendrographischen Archivs (ZDA) in Angriff genommen, das nach und nach sämtliche Dokumente der Arboliteratur und der sonstigen schriftlichen Überlieferung der Bäume erfassen soll, die der Menschheit bekannt werden, außerdem die dazu entstehende baumphilo- logische Sekundärliteratur. Mit Hilfe der Publikationsorgane des Lehrstuhls für Baumphilologie sollen diese Dokumente, die zunächst transkribiert, übersetzt und systematisiert werden müssen, so bald wie möglich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Übrigens: Am Aufbau des ZDA können auch Sie sich durch eigene baumphilologische Recherchen beteiligen! Informationen zu dieser und weiteren Möglichkeiten, wie Sie sich mit eigenen Arbeiten im Revier der Baumphilologie engagieren oder zur Förderung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Literatur und Kultur der Bäume beitragen können, finden Sie demnächst an dieser Stelle.

Lehrstuhl für Baumphilologie, Berlin Baumphilologie: Buchstabenbaum